Direkt zum Inhalt
« Zurück zur Lexikon-Übersicht

RER - Recurrent Exertional Rhabdomyolysis

Die Recurrent Exertional Rhabdomyolysis (RER) ist eine Form der belastungsabhängigen Muskel­erkrankungen des Pferdes. Charakteristisch sind wiederkehrende Episoden von Muskelsteifheit, Muskelkrämpfen und Leistungsabfall im Zusammenhang mit körperlicher Belastung. In schwereren Fällen kann es zum sogenannten „Kreuzverschlag“ mit ausgeprägter Muskelzellschädigung kommen.

RER zählt zu den wichtigsten Ursachen für belastungsbedingte Muskelprobleme insbesondere bei sportlich genutzten Pferden. Besonders häufig betroffen sind Vollblüter und andere leistungsorientierte Pferderassen. Die Erkrankung tritt typischerweise bei jungen bis mittelalten Trainingspferden auf.

Im Gegensatz zur PSSM1 steht bei RER nach heutigem Kenntnisstand weniger eine primäre Störung des Zuckerstoffwechsels im Vordergrund, sondern vielmehr eine Fehlregulation der Muskelzell-Erregbarkeit und des Calciumstoffwechsels innerhalb der Muskelzellen.

Ursachen und genetischer Hintergrund

Die genauen Ursachen der RER sind noch nicht vollständig geklärt. Derzeit wird von einer multifaktoriellen Erkrankung ausgegangen, bei der genetische Veranlagung, Training, Haltung und Fütterung zusammenwirken.

Im Mittelpunkt der aktuellen Forschung stehen Störungen der intrazellulären Calciumregulation der Muskelzellen. Eine übermäßige Freisetzung von Calcium aus dem sarkoplasmatischen Retikulum kann zu unkontrollierten Muskelkontraktionen und nachfolgender Muskelzellschädigung führen.

Für RER wurde bislang keine einzelne ursächliche Mutation wie bei PSSM1 identifiziert. Allerdings zeigen familiäre Häufungen insbesondere bei Vollblütern Hinweise auf eine genetische Prädisposition.

Begünstigende Faktoren können sein:

  • intensive Trainingsbelastung
  • Stress und Nervosität
  • Trainingsunterbrechungen
  • energiereiche Fütterung mit hohen Stärkeanteilen
  • Elektrolytverschiebungen
  • unzureichende Anpassung von Training und Regeneration

Klinische Symptome

Klinische Symptome

Die Ausprägung der Symptome kann stark variieren.

Typische Symptome, die auch bei anderen Formen der Belastungsmyopathie aufterten, sind:

  • Muskelsteifheit nach Belastung
  • verkürzte oder steife Bewegungen
  • schmerzhafte Muskulatur
  • Schwitzen trotz geringer Belastung
  • Bewegungsunwilligkeit
  • Leistungsabfall
  • harter Gang der Hinterhand
  • Muskelzittern
  • erhöhter Puls und Atemfrequenz

In schwereren Fällen treten Zeichen einer akuten Rhabdomyolyse auf:

  • ausgeprägter Kreuzverschlag
  • Bewegungsunfähigkeit
  • dunkler Harn infolge Myoglobinurie
  • massive Erhöhung der Muskelenzyme CK und AST

Bei einer 'echten RER' erholen sich die Pferde zwischen den Episoden vollständig und sind klinisch unauffällig.

Betroffene Pferderassen

Besonders häufig beschrieben ist RER bei:

  • Englisches Vollblut
  • Arabisches Vollblut
  • Standardbred
  • sportlich genutzten Warmblütern

Vor allem nervöse, temperamentvolle und leistungsorientierte Pferde scheinen ein erhöhtes Risiko zu besitzen. Studien zeigen, dass Vollblüter mit RER-Anfälligkeit in der Rennleistung besser abschneiden.

Diagnostik

Die Diagnose der RER erfolgt durch die Kombination aus:

  • klinischer Symptomatik
  • Belastungsanamnese
  • wiederkehrenden Episoden
  • Laboruntersuchungen
  • Ausschluss anderer Muskel­erkrankungen

Wichtige diagnostische Verfahren:

Blutuntersuchung

Erhöhte Werte von:

  • CK (Creatinkinase)
  • AST (Aspartat-Aminotransferase)

weisen auf eine Muskelzellschädigung hin.

Genetische Untersuchung

Eine genetische Untersuchung auf PSSM1 und MIM ist sinnvoll, um diese wichtige Differenzialdiagnose auszuschließen.

Muskelbiopsie

In bestimmten Fällen kann eine histologische Untersuchung der Muskulatur durchgeführt werden.

Belastungs- und Trainingsbewertung

Trainingsmanagement, Haltung und Fütterung sollten in die Gesamtbewertung einbezogen werden.

Therapie und Management

In akuten Fälle ist die sofortige Hinzunahme einer Tierärztin/eines Tierarztes geboten. Die Therapie umfasst Schmerzmedikation und Infusionen zum "Ausspülen" der Myoglobine, damit diese nicht zu einer sekundären Nierenschädigung führen. 

Bei den weniger ausgeprägten Formen gleicht die Herangehensweise den anderen Formen der Belastungsmyopathie:

  • Abklärung sonstiger Einflussfaktoren (Umwelt, Genetik)
  • Fütterung, Management, Stressreduktion

Trainingsmanagement

  • regelmäßiges tägliches Training
  • Vermeidung längerer Trainingspausen
  • kontrollierter Trainingsaufbau
  • ausreichende Aufwärmphase

Fütterung

  • Reduktion hoher Stärke- und Zuckeranteile
  • bedarfsgerechte Energieversorgung
  • ausreichende Versorgung mit Elektrolyten
  • teilweise erhöhter Fettanteil in der Ration

Stressreduktion

Da Stress als wichtiger Trigger gilt, profitieren viele Pferde von:

  • konstanten Haltungsbedingungen
  • ruhigem Management
  • angepasster Trainingsroutine

Abgrenzung zu anderen Belastungsmyopathien

RER gehört zum Oberbegriff der Belastungsmyopathie.

Wichtige Differenzialdiagnosen sind:

  • PSSM1 und PSSM2
  • MIM
  • entzündliche Myopathien
  • toxische Muskelschäden
  • Elektrolytstörungen

Während bei PSSM vor allem eine Störung des Glykogenstoffwechsels vorliegt, steht bei RER eher die Fehlregulation der Muskelkontraktion im Vordergrund.

Bedeutung für Zucht und Sport

Da genetische Faktoren vermutlich eine Rolle spielen, gewinnt die wissenschaftliche Untersuchung der erblichen Prädisposition für RER zunehmend an Bedeutung.

Für Zucht und Sport sind insbesondere wichtig:

  • frühe Erkennung gefährdeter Pferde
  • angepasstes Trainingsmanagement
  • differenzierte Abgrenzung verschiedener Belastungsmyopathien
  • Kombination genetischer, klinischer und managementbezogener Informationen

Die moderne Forschung geht zunehmend davon aus, dass sich hinter dem klinischen Begriff „RER“ mehrere biologische Ursachen verbergen können.

« Zurück zur Lexikon-Übersicht
Kontakt
Social Media